Kosmische Harmonik und die neue
gesellschaftliche Ordnung des Ethos der Liebe
Teil 2
von Klaus Jäger
Zuerst ein Nachtrag zur Person und zur Arbeit
von Jean E. Charon. Vielleicht haben Sie sich bereits selber der Mühe
unterzogen, den Namen > Jean E. Charon< im Internet zu suchen. Ich habe es
jedenfalls getan und bin auf folgende Adressen gestoßen, unter denen Sie sich
weiter über Leben und Werk von Jean E. Charon informieren können.
Zur Einstimmung: "Absolute Beginners" von
David Bowie
Verwandtschaften zwischen
Kosmos, Mensch und Atom
Ich bin überzeugt, die
harmonikale Verwandtschaft der Makro- und Mikroebenen des Lebens - und allem,
was "zwischen" diesen Ebenen lebt, nun hinreichend dargestellt zu haben. Wer
daran zweifelt - und der Zweifel ist durchaus eine Option - , der mag sich
weiter in diese Materie vertiefen und den Beweis antreten, dies wäre
alles nicht so. Allerdings ist zu bedenken: Wenn Zweifel berechtigt sind, dann
sind auch Zweifel am Zweifel berechtigt.
Das Ethos der Liebe, das ein
harmonikales, ein musikalisches, ist, ist unabweisbar, da es zu den
"Fundamentalkonstanten" des Universums gehört, wie nicht nur einige
Weltreligionen seit Jahrtausenden predigen, sondern wie es auch alle Weisen der
Menschheit lehrten und - seit langem - auch die fortgeschrittenste
Naturwissenschaft, die nicht mehr ohne die Begriffe Geist, Psyche und
Bewußtsein, Erinnerung, Freiheit und Wahl auskommt.
Es ist deshalb nicht einzusehen
und auch nicht mehr tolerabel, wenn es z. B. die so genannte Wirtschaftswissenschaft
unternimmt, ihre Theorien vor zu legen, ohne die Natur einzubeziehen. Ich kenne keine
einzige > Wirtschaftswissenschaft < , die Begriffe wie Geist, Psyche oder Bewußtsein
verwendet. Diese Phänomene, liebe Leser, existieren für die
Wirtschaftswissenschaftler einfach nicht. Wer ist nun blind? Die Leute, die zwar
behaupten, das menschliche Leben ließe sich nach so genannten
> wirtschaftswissenschaftlichen < Kriterien einrichten, und die zwar eine Menge
Papier produzieren, aber in der Lebenswelt der Menschen Unordnung stiften bis
hin zu Kriegen, - oder die Leute, die sagen: Moment mal, liebe
Wirtschaftswissenschaftler, habt ihr nicht was vergeßen? Müßen wir nicht den
Geist, die Psyche der Menschen und die Natur in unsere Theorien einbeziehen,
damit wir überhaupt eine Erdung, eine Verwurzelung unserer Theorien in der Natur
haben, - denn wie sollen sie sonst funktionieren? Das Ignorieren des Geistes,
der Psyche und des Bewusstseins durch die Wirtschaftswissenschaften kommt dem
gleich, als wenn man versuchen würde, die Ozeane durch einen einzigen
Wassertropfen zu erklären. Und das kann nicht funktionieren. Denn wie einfach
einzusehen ist, kann der Ozean nicht mittels eines Wassertropfens erkannt
werden.
*
Bei diesem Vergleich zeigt sich
uns auch ein weiteres Fundamentalgesetz der Natur: die Quantität hat Einfluß
auf die Qualität. Das ist leicht zu erkennen, wenn wir uns vergegenwärtigen,
dass ein Wassertropfen noch keinen Ozean macht, aber Abermilliarden von ihnen; -
diese Menge allein macht schon einen qualitativen Unterschied, ganz abgesehen
von all den biologischen Prozessen, die sich in einem Ozean abspielen und den
Lebewesen, die dort leben. Weiterhin gibt es natürlich Zusammenhänge zwischen
dem Ozean und der Erde, den Vulkanen, die sich unter der Meeresoberfläche
befinden, und den zahllosen anderen Phänomenen, die sich im Ozean befinden und
selbstverständlich auch darüber - am Himmel. Wolken und Stürme,
elektromagnetische Veränderungen des Erdfeldes usw. , - all das und mehr wirkt auf den
Ozean und seine zahllosen Wassertropfen.
Das Ethos der Liebe als
Grundlage für eine neue Gesellschaftslehre ist auch die ernsthafte Einführung
der Entdeckungen der Natur- und Geisteswissenschaften in den politischen
Diskurs. Das ist längst überfällig. Die gefundenen Gewissheiten der modernen
Natur- u. Geisteswissenschaften können nicht länger aus dem politischen Prozess
ausgeklammert werden. Die Natur und der Geist, die, sagen wir es ruhig salopp,
"irgendwo auf elementarer Ebene EINS sind", verändern sich zwar, aber innerhalb
der ihnen zu Grunde liegenden Gesetze und Freiheiten. Diese
Gesetze und Freiheiten im politischen Raum zu übersehen oder zu ignorieren, ist
fahrlässig und verantwortungslos. Diese Ignoranz wird der Natur nicht gerecht -
und auch nicht der Kultur. Der Mensch und seine Menschheit sind sowohl Natur-
als auch Kulturwesen. Klammert man die Erkenntnisse der Natur- u.
Geisteswissenschaft aus, wird man auch dem Menschen nicht gerecht.
Wir stellen heute, zu Beginn
des 3. Jahrtausends n. Ch. fest, dass sowohl die Natur bedroht ist in ihrer
Existenz als auch die Kultur , als auch die Menschheit - durch Zerstörung und
Krieg, Ignoranz, Hochmut und das praktizierte Ethos des Erfolges und der
Macht : Das Profitstreben kennt außer sich nichts Absolutes - deshalb ist
ihm alles verhandlungsfähig und kommerzialisierbar, selbst die Grundlage
menschlichen Lebens : die Erde, die Natur.
Das Mittel des Ethos des
Erfolges zum Ziel der Profitmaximierung ist Gewalt. Gewalt ist in den
meisten Fällen - außer in denen der Selbstverteidigung - aber die Folge eines
nicht voll entwickelten Liebesvermögens.
Die Menschheit steht am
Scheideweg: es ist, bei keiner Änderung des Bewusstseins, die Zerstörung
unseres Planeten Erde und der Menschheit zu befürchten; es gilt,
global-gesellschaftlich ein Bewußtsein zu entwickeln im Einklang und in Harmonie
mit der Natur. Ein Bewußtsein, das politisch die sozialen Bedingungen zur
Entfaltung des Liebesvermögens der Menschen schafft.
Friedrich Schiller schrieb :
"Der gebildete Mensch macht die Natur zu seinem Freund und ehrt ihre Freiheit,
indem er bloß ihre Willkür zügelt." in: > Zur Ästhetischen Erziehung des
Menschen; 4. Brief <.
Ich füge hinzu: Der gebildete Mensch macht die Natur,
außerhalb von sich und in sich selbst,zu seinem Freund
und ehrt ihre Freiheit, indem er bloß ihre Willkür zügelt.
*
Das Ethos der Liebe ist keine
Erfindung. Es ist auch keine Utopie im Sinne eines Hirngespinstes. Was ist es ?
Ich gebe diesbezüglich einige "Kerngedanken" aus dem Werk von Arno Plack[1]
über das Ethos der Liebe wieder.
Meine politischen Kommentare
und Schlussfolgerungen setze ich in eckige Klammern: [.]
Kerngedanken:
- Seite 319: Ursprüngliche
Liebe bedeutet, daß der Mensch zum Mitmenschen ein positives Verhältnis gewinnt,
aber nicht nur zum Anderen, sondern jeweils auch zu sich selbst: Er bejaht den
anderen in seinem ganzen Wesen, vermag aber ebenso auch sich selber zu
akzeptieren - im Mitvollzug der Liebe des anderen zu ihm.
[ Wir erinnern uns an Bertolt
Brecht' s unsterbliche Zeilen : " Niemanden verderben zu lassen, auch sich
selber nicht, das ist gut." ]
Es geht beim Ethos der Liebe
also nicht darum, sich in einen "Aufschwung der Gefühle" zu jedem anderen
Menschen zu steigern und jedem Fremden Gefühle von Liebe entgegen zu bringen.
Das wäre wieder eine unmögliche Forderung, die analog dem bloßen Predigen
wäre, der Mensch solle doch - um Himmels willen - edel sein, hilfreich und
gut. Es geht vielmehr darum, sich gesellschaftlich so zu verhalten,
dass niemand in der Entfaltung seines Liebespotentials behindert wird - auch
man selber nicht.]
*
- Seite 318: Das Ethos der
Liebe ist keine Utopie. Es kann als utopisch nur erscheinen, sofern man Liebe
mit Altruismus verwechselt, mit jener Haltung, in der der Mensch , aller
egoistischen Regungen ledig, ganz im Dienst für die anderen aufginge. DAS ist
eine Utopie, nicht nur, weil in allem praktischen Altruismus schließlich doch
eine Lust am Herrschen sich einschleicht, eine Freude daran, den Menschen, dem
man sich "aufopfert", eben hierdurch von sich abhängig zu machen : indem man ihn
an das beständige "Opfer" gewöhnt. Der Altruismus ist eine Utopie auch in
soziologischer Perspektive : Wenn jeder nur darauf ausginge, für das Wohl seiner
Mitmenschen zu sorgen, persönliches Wohlergehen aber sich als "unsittlich"
versagte, dann raubte er - in einer Art moralischem Egoismus - den anderen auch
jede Möglichkeit, uneigennützig an ihm selbst zu handeln. Wollte er so, nur den
Anderen lebend, den Sinn seines eigenen Lebens uneingeschränkt von ihnen
abhängig machen, so müßte er, um überhaupt noch Freude am Leben zu haben, sein
eigenes "selbstloses" Tun doch insgeheim darauf abstellen, sich selbst damit
etwas einzuhandeln. Und darauf läuft dann auch jeder hoffnungsvoll begonnene
Altruismus im allgemeinen wieder hinaus: auf einen noch vor sich selber
verborgenen Egozentrismus.
Konsequenter Altruismus also
ist eine Utopie, eine bloße Wünschbarkeit, aber als solche von unbestreitbarer
Realität: ihre Wirksamkeit besteht eben darin, daß sie die "individualistisch" (
und das heißt immer zugleich: autoerotisch ) auf sich selber zurück geworfenen
Menschen durch konkrete "Pflichten" so miteinander verkettet, daß einer den
anderen nicht treten kann, ohne sich selber wehe zu tun. Der Altruismus ist
faktisch das regulative Prinzip solcher Menschen, die nicht in ursprünglicher
Weise einander verbunden sein können, aber doch darauf angewiesen bleiben,
miteinander zu leben und auszukommen.
Wer nicht dem Mitmenschen in
einer Weise verbunden ist, daß er in dessen Schicksal eine Möglichkeit seines
eigenen Daseins erkennt, der bedarf immer eines "altruistischen" Aufschwungs, um
für ihn einzuspringen, wenn es not tut. Im dialektischen Umschlag von
(bewusster) altruistischer Motivation in ( unbewußte ) egoistische Spekulation
bestätigt sich aber, daß die altruistische Moral die Menschen einander nicht
wirklich zu verbinden vermag, weil diese - egoistisch wie altruistisch - die
auf sich selber bezogenen Einzelnen bleiben, zu denen die herrschende
Sittlichkeit erst sie gemacht hat. Egoismus und Altruismus haben ihre
Realität in ihrer Zusammengehörigkeit ; sie sind rein also gar nicht zu
verwirklichen. Ihr gemeinsamer Quotient ist der Individualismus.
*
Seite 319: [ In einer
Gesellschaft ,] wo jegliche Liebe fehlte, da wäre das sinnvolle Motiv für
"soziales" , gemeinschaftskonformes Verhalten nicht eine pflichtgemäße
altruistische Einstellung, sondern die ( egoistische) Furcht vor Sanktionen, die
die Gesellschaft im Ganzen noch am leibhaften Dasein des Einzelnen ansetzen
kann. Doch schon bloße Furcht, von den anderen "links liegen gelassen zu werden"
, also die Angst vor Vereinsamung, die uns mitunter befällt, weist uns deutlich
darauf zurück, daß wir tiefer an die Gemeinschaft gebunden sind, als unser Stolz
und Unmut es dulden. In diesem Sinne aber bezeichne ich das Ethos der Liebe als
das - jederzeit - ursprüngliche Ethos.
[ Anm. Jäger: Die Angst vor
Vereinsamung wurde von den Vorfahren der heutigen Westeuropäer, den Kelten
und Germanen, tatsächlich benutzt: Im Ausschluss aus der Gemeinschaft
bestand eine der schwersten Strafen für Verbrecher. Alleine in der Wildnis zu
überleben war für die meisten Leute unmöglich - genau wie wir heute waren unsere
Vorfahren auch auf die Arbeitsteilung und die Mitarbeit Anderer angewiesen. Man
konnte auch zeitweise aus Feiern der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. In
jedem Fall aber war der Ausschluss, die erzwungene Vereinsamung, eine der
schwersten Strafen. Weil es erwerbslosen Menschen heute durch die Gesetze (Hartz
4, etc. )
unmöglich gemacht wird, am Leben der Gesellschaft(Mitgliedschaft in Vereinen,
Teilnahme an Kultur Veranstaltungen, Schulbelange der Kinder usw. )
teilzunehmen, handelt es sich bei diesen Gesetzen um Foltergesetze, die umgehend
abgeschafft werden und ersetzt werden müssen durch ein Bedingungsloses
Grundeinkommen (BGE) .
*
Seite 319: Das Ethos der Liebe
kann eine Utopie gar nicht sein; denn es setzt eine Gesellschaft voraus, die
vom Menschen keine Verzichte verlangt, die seine Natur überfordern.
Unverkümmert in seinem Wesen
kann er da auch sein ursprüngliches Liebesvermögen entfalten: leibhaft real.
Ethik der Liebe orientiert sich nicht an einem Bild vom Menschen, dem ein
grausamer Gott wenig Begabung zur Liebe verliehen hat und sie gerade deswegen
von ihm erwartet. Die unter dem Diktat eines solchen Bildes ramponierte
menschliche Natur gibt notwendig Anlass zur Klage.
[ Anm. Jäger : Das Bild vom
Menschen, dem ein grausamer Gott wenig Begabung zur Liebe verliehen hat, ist ein
alttestamentarisches. Wir können hier ohne weiteres an das Christentum denken,
aber auch an alle anderen Religionen, die aus diesem Alten Testament hervor
gegangen sind. Insbesondere der Katholizismus hat sich in puncto
Leibfeindlichkeit und Verzichtsverlangen hervorgetan - und tut es noch. Seit
2000 Jahren lästert der Katholizismus das Werk Gottes, indem er den Körper des
Menschen und seine Triebe zur Quelle der Sünde erklärt und andere Religionen,
z.B. die evangelische, nicht als Kirchen akezeptiert. Deshalb ist eine
praktische politische Schlussfolgerung : die Entflechtung von Kirche und
Staat. Die Kirchen können sich mittels der Menschen, die bereit sind, ihnen
Geld zu geben, am Leben erhalten. Aber der Staat darf sich nicht mehr zum
Geldeintreiber der Religionen machen, - keiner einzigen. Wenn die Menschen
irgendeine Religion als notwendig für ihr Leben betrachten, werden sie den
religiösen Institutionen für deren Arbeit freiwillig Geld spenden. Der Staat als
Gesellschaft von Menschen, die dem Ethos der Liebe verbunden sind, stellt sich
aber auch dem Tun der Religionen nicht in den Weg, sofern dies Tun
verfassungskonform ist. Dies ist ein Gebot der Toleranz gebildeter, geistiger
Menschen, die erkennen und akzeptieren, dass Geistigkeit, dass Spiritualität zum
Menschenwesen und zur Natur gehört.]
Seite 320 : ( Der Klage ) Tenor
lautet, dass der von Natur aus böse Mensch doch stets noch hinter seinem Ideal
zurück bleibe. Den Unmut darüber mag der Einzelne überspielen, indem er nun erst
recht und ohne Besinnung "dem bösen" , dem Hass sich überlässt, oder auch, indem
er in gewaltigen Akten der "Nächstenliebe" sich "überwindet". Oder er "kann" im
Wechsel beides: wie Gides Lafcadio, der fähig war, ein Kind unter Einsatz seines
eigenen Lebens zu retten, aber auch fähig, seine Geliebte zu ermorden. Der in
seiner vitalen Natur völlig unausgeglichene, der zutiefst "unbefriedigte"
Mensch kann nur entweder "selbstlos" sein oder vernichtend: In einer
Gesellschaft, die ihn als Helden nicht mehr benötigt, wird er zwangsläufig zum
Verbrecher. Wenn, wie es vor wenigen Jahren bei uns geschah, zugleich mit den
jugendlichen Delinquenten auch die jungen Lebensretter sich mehrten, so war das
kein Grund, über die Zunahme der Jugendkriminalität gelassener zu denken. Im
Klima einer triebunterdrückenden Moral steht der Mensch , vorab der triebstarke
junge Mensch, zu Aufschwüngen jeder Art bereit. Und er schafft hier auch mehr
Gelegenheiten sich in besonderer Weise zu bewähren. [.]
Ethik der Liebe erwartet vom
Menschen keine heroischen moralischen Aufschwünge als Ausgleich für das , was
"Moral" ihm verknappt; sie wacht nur darüber, daß der auf Liebe angelegte Mensch
sich ungebrochen entwickelt.
Der Mensch wird nicht
aufgefordert zu verzichten, wo das Leben ihm noch Wünsche offen lässt, weil
solche Verzichte bedeuten, daß er vor der Zeit und gegen seine Gesundheit dem
Leben sich versagt. Der abverlangte Verzicht ist ein blasphemischer (
gotteslästerlicher ) Vorgriff auf die Zeit, die dem Einzelnen in voller
Lebendigkeit zu sein noch vergönnt ist; das Leben heißt ihn schon noch
"verzichten", wenn es sich aus ihm wieder zurück nimmt und ihn zurichtet für
sein Wiederverschwinden. "Wenn die Jugend ein Fehler ist, so legt man ihn sehr
schnell wieder ab.", schrieb Goethe.
Das Ethos der Liebe ist
keine Utopie. Der im ursprünglichen Sinne Liebende, das ist derjenige, der in
seinem Verhältnis zum Mitmenschen im Einklang bleibt mit der Seinsverfassung des
Menschen.
Der Mensch, der in
ursprünglichem Sinn ( und nicht im Gedanken an entsprechende Pflicht ) das Ethos
der Liebe in sich verwirklicht hat, lebt in dem Bewußtsein oder doch in der
Ahnung, daß er allen Menschen zuletzt in einem meta-physischen Sinne
verschwistert ist: Er spürt, daß in einem jeden, der ihm begegnet, ihm wieder
der endliche, zerbrechliche, aber sein Endlichkeit wissende Mensch
entgegentritt, der er selber ist.
[ Anm. Jäger: Und wir können
jetzt wissen, dass die Menschen und der ihn umgebende Kosmos
untrennbar verbunden sind durch die Gesetze und die Freiheiten der harmonikalen
Strukturen auf allen "Ebenen" des Seins. Auch wenn es uns schwer fällt, dies
angesichts unserer Konditionierung durch die Schulwissenschaft zu "glauben".
Es bedarf des bloßen Glaubens
nicht, um die Verwandtschaft und die Gleichartigkeit allen Lebens mit allem
anderen Leben zu wissen. Aber wir können diese Verwandtschaft auch
erfahren - und tun dies auch in der Empfindung, dass etwas schön sei.
Die Schönheit eines Phänomens, sei es ein Bild, Musik, eine Skulptur oder ein
Gedicht - erinnert uns daran, dass wir ähnlich wie andere Menschen empfinden und
in dieser Empfindung mit ihnen eins sind.
Dieses Erlebnis, diese
gemeinschaftliche Erfahrung ästhetischer Phänomene muss uns in der
gesellschaftlichen Praxis dazu bringen, dass Kunst, dass Musik - dass jede Art
von schöpferischem Tun in die Schulen gehört und dass die Unterrichte in diesen
Fächern keineswegs ein Luxus sind, sondern eine Notwendigkeit.]
Schon wo auch nur zwei
Menschen aus solchem tiefen Einverständnis (nämlich, daß er allen Menschen
zuletzt in einem meta-physischen Sinne verschwistert ist) , das gar nicht
ausdrücklich zu werden braucht, "einander verstehen", ist phänomenal der
ethische Sinn der Gemeinschaft "Menschheit" verwirklicht.
Das Ethos der Liebe ist keine
Utopie. Und doch wird man sagen können, daß es ganz erfüllt erst wäre in einer
Welt ohne Krieg. So wie der Krieg ein Zeichen dafür ist, daß es ganze
Kulturgemeinschaften gibt, die über die Natur des Menschen sich hinweg lügen, so
ist umgekehrt das Fehlen jeder kriegerischen Einstellung bei einzelnen Völkern (
wie den früheren Eskimos oder den Berg-Arapesh Neu-Guinea' s) ein Anhaltspunkt,
daß dort der Mensch mit seiner angeborenen Natur nicht im Streite ist.
Der einzelne Pazifist, in einer
kriegerischen Kultur, mag vielleicht nur aus einer gewissen psycho-physischen
Schwäche heraus für sich selber den Kriegsdienst ablehnen; oder er mag, mit
anderen Kriegsdienstgegnern organisiert, seine eigenen aggressiven Impulse im
rein politischen Kampf gegen die Freunde des Krieges ausleben.
Die Existenz von Völkern, die
keinen Krieg kennen, ist angesichts solcher Möglichkeiten von größerem
anthropologischem Wert.
[ Das wollen wir festhalten: es
gab Völker, die keinen Krieg kannten, keinen Mord, keine Ausbeutung. Erst als
die Missionare des Christentums die Eskimos und Menschen Neu-Guinea' s mit ihrer
körperfeindlichen - und das ist auch: naturfeindlichen, das ist auch :
sinnenfeindlichen - "Lehre" indoktriniert hatten, fanden die ersten Morde
statt.
Dies muss uns weiterer Grund
sein, die absolute Trennung von Kirche und Staat zu vollziehen. Der moderne
Staat darf sich nicht zum Diener und Erfüllungsgehilfen einer lebensfeindlichen
Moral machen. Sondern er hat für ein lebensfreundliches und liebesfreundliches
Klima in der Gesellschaft Sorge zu tragen und die entsprechenden Maßnahmen zu
treffen. ]
*
Seite 324
Die Angehörigen fremder Völker
und Rassen als Menschen anzuerkennen ( und das heißt immer auch schon: sie als
Mit-Menschen zu sehen) das wäre eine erste Voraussetzung für allgemeinen
Völkerfrieden. Die Randlage der friedfertigen Völker wäre so nicht ein mögliches
Gegenargument gegen die Hoffnung auf eine befriedete Welt. Daß ein Volk "in
Randlage" friedfertig sein kann, stützte vielmehr sogar diese Hoffnung. Ein
solches Volk zeigte mit der ihm eigenen Triebstruktur für die übrigen Völker
doch eine anthropologische Möglichkeit auf. Die ganze Menschheit "in Randlage"
gegenüber dem Kosmos - das wäre ein aufgeklärtes Selbstverständnis des Menschen,
in dem jeder innerglobale Streit an Wichtigkeit verlöre. Das bestätigte, daß
eine Atmosphäre der Toleranz nicht durch die willentliche Entschließung jedes
einzelnen zu erreichen wäre, sondern nur durch Aufklärung der Menschen über sich
selbst und ihre "Stellung im Kosmos".
[ Anm. Jäger : was die
natürliche Stellung des Menschen im Kosmos betrifft, empfehle ich das
aufmerksame Anschauen des hier eingestellten Filmes über das vom HUBBLE
Teleskop beobachtete Universum - und die Stellung der Erde und damit auch der
Menschheit darin:
Ein über die Natur des Menschen
und über die Situation der Menschheit aufgeklärter Mensch verhält
sich tolerant - ohne moralisches Pathos. Nur wer seine geheimen Ressentiments
gegen andere Rassen, andere Völker, Glaubens- oder Weltanschauungsgemeinschaften
nie völlig los wird, hat nötig, sich selber "zur Toleranz" zu erziehen. Die
fehlende Einsicht ersetzt ihm der gute Wille. Aber dessen Verlässigkeit ist
fraglich. Das opportunistische Moment an ihm kann verschleiert sein.
Wenn primitive Völker sich
selbst als "die Menschheit" schlechthin verstehen, und darum gegenüber
den Angehörigen anderer Völker keinerlei Gattungsolidarität kennen, so findet
das seine Entsprechung beim modernen Propagandisten des Krieges, der sich die
"Feinde" als "Untermenschen" abwertet, als Teufel oder als "Unholde" ( oder als
"Achse des Bösen"; Anm. Jäger) Dem buchstäblich engen Horizont des Primitiven
entspricht die Engstirnigkeit des Politikers oder Publizisten, der bewußt den
Krieg verherrlicht. Aber es handelt sich dabei doch um zweierlei " Dummheit".
Der enge Horizont aus Mangel an Kenntnis und Erfahrung ist ein einfaches
Noch-nicht-Wissen, das beseitig werden kann. Viele so genante Primitive bilden
denn auch ein ethnologisches Ge-Wissen aus, ein Bewußtsein der Relativität der
Kulturen innerhalb der einen Menschheit.
Die ethische Kurzsichtigkeit
der modernen Befürworter des Krieges aber ist das Ergebnis einer Denkhemmung,
die das Triebziel "Feind" unterbewusst arrangiert. Dieselbe "moralische"
Hemmung, die die Einsicht in die Natürlichkeit des Geschlechtlichen verwehrt und
dessen Impulse zu reiner Aggressivität aufsammelt, dieselbe geistige Hemmung
verhindert auch die Erkenntnis, daß die Zweibeiner im anderen Lager vollwertige
Menschen sind. So zwischen Denkverboten , die einander ergänzen,
hindurchgesteuert, kann der vital frustrierte Mensch seine unterdrückte
Triebhaftigkeit an den dafür freigegebenen Menschen , den "Feinden" oder
"Volksschädlingen", [ oder setzen Sie für "Feinde" ein: "den Feinden der
inneren Sicherheit"; Anm. Jäger ] zur Entladung bringen. Der durch
Triebverzichte gelähmte Intellekt drückt den Menschen auf das Niveau der Ratten,
der Nager überhaupt, der einzigen Säugetiere, denen - nach Konrad Lorenz
zumindest, eine Tötungshemmung gegenüber den Artgenossen fehlt.
[ Anm. Jäger: Wollen wir
wirklich eine Gesellschaftsmoral, die uns de facto, wie die Tiefenpsychologie
beweist, zu Ratten degradiert? Das wäre unserer unwürdig. Im folgenden Film
sagt uns Carl Gustav Jung, der Mensch sei die größte Gefahr für den Menschen.
Das ist nun zwar auch den antiken Weisen bekannt gewesen, - die antiken Römer
sagten, der Mensch sei des Menschen Wolf - aber das ändert nichts an der
Wahrhaftigkeit dieser Aussage, gewärtigen wir uns die heute verfügbaren Arsenale
der Waffen zur Massenvernichtung (weapons of massdestruction = WMD) und die
Gefahr eines Dritten Weltkrieges.
DARUM ist das elaborierte
(ausgearbeitete) Wissen und die ANWENDUNG dieses Wissens in der
gesellschaftliche Praxis - und das bedeutet auch: in der Politik - für uns
überlebenswichtig. Nur Ignoranten übersehen diese Evidenz der Psychologie und
meinen zu Unrecht, mittels ihrer rein theoretischen Ideologien ein
menschenwürdiges Leben erreichen und einrichten zu können. Wer das im Ernst noch
glaubt, stellt sich selber als nicht auf der Höhe des Wissens unserer Zeit dar;
aber dem kann abgeholfen werden, sofern man bereit ist, sich sachkundig zu
machen.
Wir, die Menschen, so C. G. Jung , sind
der Ursprung allen aufkommenden Bösen. Ein Verständnis der Psyche ist deshalb
überlebensnotwendig.]
*
Seite 327:
Nach dem bekannten Wort von
Clausewitz ist der Krieg nur die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.
Wir dürfen umformulieren: Es ist schon die Politik, wie wir sie verstehen ( und
nicht anders kennen) , eine Erscheinungsweise kriegerischer Gesinnung. Um dies
deutlich werden zu lassen, bedarf es gar nicht der ausdrücklichen Versicherung,
man sei gewillt, " eine Politik am Rande des Abgrunds" (Dulles; US-Politiker der
50' er Jahre) zu treiben.
In einer Kultur, in der der
Mensch seine endliche leibhafte Existenz nicht annimmt, ist ein Moment von Krieg
in allen seinen Beziehungen zu anderen enthalten. Daß der Bolschewismus trotz
anfänglicher Versuche die Prüderie doch nicht aufgab, hat schon einen Grund in
der ihm eigenen Tendenz zur Selbstvergottung des Menschen. Die aber ist
wieder nur die Säkularisierung und Verabsolutierung jeder religiösen
Einstellung, in der der Mensch aus dem Naturganzen magisch sich heraus-denkt,
dieweil er dem Andrang der vitalen Antriebe sich versagt. Im Verhältnis zu
diesem quasi metaphysischen Motiv der Kriegsbereitschaft in unserer
abendländischen Kultur sind alle die bisher genannten konfessionellen,
vordergründig machtpolitischen, patriotischen oder "völkischen" Motive, sowie
das heute sich vordrängende ideologische Motiv für einen Krieg, nur
Rationalisierungen von je derselben Güte. Ein durch die Tiefenpsychologie
ernüchterter Ethiker kann so optimistisch nicht sein, daß er darauf vertrauen
wollte, der heutige ideologische West-Ost Gegensatz werde eines Tages ebenso
belanglos wie der konfessionelle auf dem Grunde des Dreißigjährigen Krieges -
und dann könnte der Weltfrieden einziehen.
[Anm. Jäger: Arno Plack
schreibt: "In einer Kultur, in der der Mensch seine endliche leibhafte Existenz
nicht annimmt, ist ein Moment von Krieg in allen seinen Beziehungen zu anderen
enthalten." Erinnert uns das nicht an den zur Zeit stattfindenden globalen
Wirtschaftskrieg ?
Ist es nicht der globale Kampf
um Rohstoffe und der im Landesinnern stattfindende Kampf um möglichst billige
Produktionsmöglichkeiten, der heute unter dem Namen "Globalisierung" bekannt
ist? ! Und diese Wirkungen des Ethos der Macht und des Erfolges beruhen
tiefenpsychologisch auf nicht entfaltetem Liebespotential, d. h. unterdrückter
Liebesfähigkeit.
*
Arno Plack weiter: "Daß der
Bolschewismus, trotz anfänglicher Versuche, die Prüderie doch nicht aufgab, hat
schon einen Grund in der ihm eigenen Tendenz zur Selbstvergottung des
Menschen."
[ Anm. Jäger: Ich kenne nicht eine einzige
Parteiprogrammatik irgendeiner der heute etablierten parlamentarischen Parteien,
in der Bezug auf die Naturgesetze und die Seinsverfassung des Menschen
genommen wird. Auch der Sozialismus in Form der SPD und der Partei "Die Linke."
nicht. Bei deren Programmen handelt es sich um theoretische Konstrukte, die mit
dem modernen Wissen über die Natur des Kosmos und des Menschen wenig bis Nichts
gemeinsam haben. Überdies stützen sie sich auch noch auf so genannte
"Wirtschaftswissenschaften", die selber die Natur des Menschen nicht
berücksichtigen und auch nicht anerkennen. Deshalb ist von ihnen auch keine
wirkliche Besserung unserer Lebensverhältnisse zu erwarten. ]
Wohl ist, wenn die Geschichte
kein jähes Ende findet, damit zu rechnen, daß der gegenwärtige ideologische
Gegensatz sich abplattet; aber er wird, sofern nicht in der Triebstruktur der
Völker sich etwas ändert, als möglicher Kriegsgrund sich nur verlieren, indem
er - nach irgendeiner Seite hin - einem anderen Platz macht.
[ Anm. Jäger: Seit dem Ende der
Sowjetunion existiert zwar kein ideologischer Ost-West Konflikt mehr , aber wir
haben es heute mit der so genannten "Globalisierung" und dem "Krieg gegen den
Terror" zu tun und mit der angeblichen "Achse des Bösen" - die als
Rechtfertigungen für Verzicht und - schlimmer noch - als Kriegsgrund herhalten
müssen. Wir sprechen hier tiefenpsychologisch von "Rationalisierungen".]
"Rationalisierung" bedeutet in
der Sprache der Tiefenpsychologie bereits, daß man intellektuell plausible
Gründe vorschiebt, um etwas ( gerade auch sich selber) zu verschleiern, was man
nicht wahrhaben möchte, aber wahrscheinlich insgeheim ahnt. Das schlechte
Gewissen einer ganzen Kulturgemeinschaft kommt so am Ende noch in den
pseudo-rationalen Kriegsgründen ihrer Politiker und Historiker zur Geltung. Ein
Soziologe, der unbekümmert den Krieg bejaht, wird solche Verschleierungen nicht
nötig haben. Er kann es sich leisten, tiefer zu blicken. Und so finden wir denn
in Wilhelm E. Mühlmanns frühem Werk Krieg und Frieden den
aufschlussreichen Satz, die Pazifisten hätten " sich niemals Gedanken darüber
gemacht, wie sie die menschliche Energieform ( die Leidenschaften) , die im
Kriege zum Ausdruck kommen, umwandeln können, um Kriege zu vermeiden. Mit
anderen Worten, der Krieg als Problem der psychischen Anpassung wurde bisher
nicht behandelt. Nun, hierzu etwas beizutragen, ist eine der Aufgaben dieses
Buches ( s. Fußnote 6).
[ Anm. Jäger: Der politische
Beitrag "wie die menschliche Energieform ( die Leidenschaften) , die im Kriege
zum Ausdruck kommen", umgewandelt werden kann, "um Kriege zu vermeiden" ,
besteht darin, gesellschaftliche Umstände zu fordern und zu schaffen, die es dem
einzelnen Menschen ermöglichen, sein ursprüngliches Liebespotential, das ist:
seine vorhandene Fähigkeit zur Liebe, völlig in der Zeit seines Lebens zu
entfalten. Kinder haben diese Fähigkeit, Erwachsene auch. Bei Kindern tritt sie
offener zu Tage. Sie sind - noch - spontaner als wir rationalistisch
konditionierten Erwachsenen. Trotzdem "schläft" auch in jedem Erwachsenen die
Fähigkeit zur Liebe - und vor allem: die Sehnsucht danach. Oder wie anders
wollen sich die Ideologen aller Couleur die Liebe, die trotz allen Elends und
Leids nicht totzukriegen ist, erklären? Und wir wissen jetzt
auch: die Fähigkeit zur Liebe ist uns vom Himmel - oder den Göttern, dem Gott,
der Göttin oder wem auch immer - in die Gene geschrieben, ins Sonnensystem, in
Pflanze und Tier..auf der Mikroebene sowohl als auch auf der Makroebene des
Lebens. An diesem Wissen führt kein Weg mehr vorbei außer dem der Ignoranz. ]
*
Seite 328, ff.:
Neue Ordnung oder letzte
Katastrophe ?
Wenn wir feststellen, der
Mensch unserer Kultur hadere mit seiner Natur, wenn wir hoffen, er werde die
Lebenslügen noch aufgeben, die sie ( die Natur ) ihm heute verdecken, und er
werde so in den Stand gesetzt, im Mitmenschen die eigene Seinsverfassung
wiederzuerkennen, so meinen wir, im äußersten Sinne realistisch zu sprechen, um
die allgemeine Richtung auf ein Ethos der Liebe hin zu markieren. Utopisch
erscheint uns viel eher der Gedanke, Mitmenschlichkeit von den Menschen zu
verlangen im Klima einer Moral, die ursprüngliche Liebe gar nicht zuläßt,
zumindest sie hart beschränkt, und dafür Erscheinungsformen des Hasses in den
Rang von Werten erhebt: so die Eifersucht und den als "sittlichen Eifer" sich
aufspielenden "Lebensneid" (Nietzsche) . Es ist eine gewaltige Zumutung an die
vitale Natur des Menschen, soll er Äußerungen ursprünglicher Liebe wie
Mitgefühl und Dankbarkeit zeigen, wenn die Liebe selber durch ein Besitzstreben
verfälscht ist, das auf alle möglichen Lebensgüter einschließlich der
Verlässigkeit eines Partner gebieterisch ausgreift. Die Eifersucht als der Hass
auf den anderen, der so nicht verfügbar sein will, darf wohl noch als ein
Zeichen von Liebe sich ausgeben [ ohne es zu sein, versteht sich; Anm. Jäger ]
aber sie verrät ihre wahre Natur schließlich dadurch, daß sie tausendfältig das
soziale Klima vergiftet. Nicht nur der mit Eifersucht "Bedachte" kommt in den
Pechregen des eigenen Hasses, ein jeder auch, "dem es besser geht", der nicht
"so tief zu leiden hat" wie wir selbst, wird beargwöhnt: Ein einziger
hohläugiger Lebensneid, der moralisch sich aufspielt, wird zur Grundhaltung
dessen, dem das eigene Leben ohne Erfüllungen bleibt. Ein Ethos, das so die
erzwungenen lebenslangen Versagungen noch moralisch überhöht, kann aber auch den
alternden Menschen nicht zu williger Resignation bringen, geschweige zu einer
Resignation, wie sie Max Scheler versteht: als Verzicht, vitale Erfüllungen
zu erstreben, ohne ihren Wertcharakter zu verleugnen. In einer Gesellschaft,
in der die Alten die Gesetze machen und Recht sprechen, ohne einer echten
Resignation fähig zu sein, weil sie jeweils ihr eigenes Leben in seinen vitalen
Ansprüchen als unerfüllt empfinden, in einer solchen Gesellschaft wird "die
Sittlichkeit" immer ein lebhaft diskutiertes , aber nie zu lösendes Problem
sein. Und mit ihm das Generationenproblem ! Die Klage über die mangelnde
Mitmenschlichkeit der Jungen gegenüber den Alten kann hier gar nicht verstummen.
Ein circulus vitiosus. Ein circulus vitiosus, der nur von der bislang periodisch
wiederkehrenden Ausnahmesituation des Krieges unterbrochen wird.
Der friedliche Weg, aus
diesem Teufelskreis herauszukommen, besteht, wie gesagt, darin, daß dem Menschen
gestattet wird, sich in seiner vitalen Natur zu bejahen und anzunehmen.
Nur wer den Menschen als reines "Kulturwesen" versteht und seine
leibhafte Verwurzelung in der Natur übersieht, kann glauben, der Mensch könne in
beliebigem Maße die Natur in sich selber ignorieren, ohne die "Rache" der Natur
herauszufordern. Wer so denkt, muß meinen, es lasse eine jede Deutung der
menschlichen Natur, weil sie als solche (Deutung ) ein Akt der Kultur sei, durch
eine unbegrenzte Zahl neuer Deutungen nacheinander sich ablösen. Jede neue
Deutung des Menschen, die sich durchsetzte, aber wirkte damit bereits an einer
Umwandlung der menschlichen Natur.
[ Anm. Jäger: Heute ist das:
die Umwandlung des Menschen in den Kunden; sie wird bereits staatlicherseits
praktiziert, indem Menschen in den Arbeitsagenturen nicht mehr Menschen sind,
sondern "Kunden". Selbst deutsche, akademische Philosophen, die vom Staat der
Parteien bezahlt werden - und deren Medien-Begleitschutz - tun bei dieser
widernatürlichen Umwandlung mit, wie ich in meinem Aufsatz: "Der Mensch, nicht
der Kunde" gezeigt habe. Hier:
Wer weiß, was solchen
Philosophen noch so einfällt, zu dem sie den Menschen umdefinieren können? An
von ihnen herbei geholten, so genannten "rationalen Gründen" - d. h. nach
aristotelischer Logik, nach kausal operierenden Argumentationsketten - an
diesen Gründen wird es nicht fehlen, und sie werden mit vielen Fachausdrücken
verziert - um nicht zu sagen: verschleiert; an diesen Theoriekonstrukten wird
es dabei nicht fehlen. Man kann warnen: Glaube keinem, der nicht die
Natur des Kosmos und des Menschen mit in seine politische, wirtschaftliche
oder spirituelle Theorie aufgenommen hat.]
Wir merken, wie die Bestimmung
der menschlichen Natur als reines Kulturwesen in ein Nichtbestimmen seiner Natur
sich auflöst. Eine Konsequenz, die bei Gehlen einmal ganz deutlich wird.
Nun ist Gehlen gewiss zu
zustimmen, wenn er sagt, was man heute als Natur des Menschen erkläre, zeige
doch nur "eine Natur rein europäischen Stils und mit der Färbung des 20.
Jahrhunderts". Aber es ist durch nichts gerechtfertigt, wenn er das
Menschenbild, zu dem die Tiefenpsychologie allenfalls Materialien liefert, mit
dem puritanischen des Viktorianischen Zeitalters auf dieselbe Stufe des
Wahrheitsanspruches stellt. Ein vorwissenschaftliches Menschenbild, das nichts
weiter repräsentiert als die in der herrschenden Ordnung hochgehaltene Moral,
ist, so es um den Wahrheitsanspruch geht, selbst dem anthropologischem
Irrtum nicht gleichzustellen, der als ein wissenschaftlicher sich immerhin
zur Diskussion stellt und insofern unterwegs ist zur Wahrheit. Der
Wahrheitsanspruch jedes wissenschaftlichen Satzes ist von vornherein kein
absoluter, sondern der relative einer Bewegung hin zur Realität.
[ Das vorwissenschaftliche,
allerdings heute moderne
Menschenbild ist eines, das die Eingebundenheit, die Verwurzelung des Menschen
im Kosmos gedanken- oder verantwortungslos übersieht. Ein solches ist nicht
geeignet, das harmonische Zusammenleben der Menschen zu gestalten oder auch nur
daran mitzuwirken. Wir lassen ja auch heutzutage keine Kranken mehr zur Ader,
wie es jahrhundertelang übliche Praxis der Ärzte war, - und es übrigens auch die damalige Lehrmeinung an
Universitäten war, dass man kranken Menschen nur genug Blut abzapfen müße, damit
sie wieder gesunden. Heute lachen wir darüber - aber das Lachen bleibt uns im
Halse stecken, wenn wir all die Ignoranz der Schulmedizin gegenüber alternativen
Heilmethoden, insb. Heilmethoden wie Yoga, Ayurveda, Chi Gong usw. wahrnehmen
und der Schulmedizin andauernden Misserfolg gegen die Krankheiten.
*
Auch dass die Ärzteschaft sich
überwiegend NICHT anheischig macht, die krankmachenden gesellschaftlichen
Lebensumstände anzuklagen, wirft ein helles und entlarvendes Licht auf diese
Medizin-Industriellen. Ich will hier nicht alle praktizierenden Mediziner in
Bausch und Bogen verdammen, - ABER die Mehrheit von ihnen befindet sich
mindestens in einem Irrtum über die Natur des Menschen. Dass Fachärzte zwar
einiges spezielle Wissen über bestimmte Organe haben, aber die anderen Organe
des Menschen und vor allem seine privaten und öffentlichen Lebensumstände nicht mit in Betracht
zur Behandlung ziehen, ist schon als fahrlässig zu bezeichnen. Eine Krankheit
hat nie nur eine Ursache.]
*
"Wahrheit" ist ein jeweils mehr
oder weniger enges Beziehungsverhältnis zwischen uns selbst als Denkenden und
der Welt überhaupt. ( Darum ist es auch nicht möglich, im Besitz einer
Wahrheit zu sein.) Unsere Beziehung zur Realität als die Beziehung eines
lebenden Wesens zu ihr, ( und nicht als die einer punktuellen geistigen
Substanz) muß notwendig eine dynamische, und das heißt eine je unabgeschlossene,
sein. Dies, der prozessuale Charakter aller wissenschaftlichen Wahrheit ,
schließt jeden Vergleich mit den "Wahrheiten" aus, die von den "moralistischen"
Autoritäten uns gepredigt werden. Der Machtanspruch, mit dem sie an einer
bestimmten Wahrheit festhalten, entwertet diese allmählich auch als Wahrheit: er
versagt ihr die Chance, in der Überwindung neuer Zweifel sich zu bestätigen.
*
Auf unser Problem übertragen
heißt das: Das Menschen-bild der Tiefenpsychologie ist sowenig schon
abgeschlossen wie sonst ein wissenschaftliches "Bild" von etwas. Wohl mag, wie
es gelegentlich durch Freud selber geschah, die tiefenpsychologische Methode
als Weltanschauung auch missverstanden werden; aber das ist kein Einwand
gegen das bis jetzt nur in groben Umrissen aus tiefenpsychologischer Perspektive
sich abzeichnende Menschenbild. Das ist kein Einwand, weil es ein fertig
ausgemaltes tiefenpsychologisches Menschenbild gar nicht gibt.
So ist auch nicht zu besorgen,
es könnte schließlich sich an der Tiefenpsychologie die Prophezeiung Arnold
Gehlens erfüllen, daß "ein seiner Zeit vorweg eilender Geist die Geltung der
neuen ( tiefenpsychologischen ) Weltanschauung als unerträgliche Konvention
angreift und dieser Lebenslüge den Garaus macht, indem er eine neue Natur
entdeckt". Die Wissenschaft vom Menschen braucht nicht bei Freud stehen zu
bleiben. Aber das heißt noch nicht, daß sie es nötig hätte, einen Schritt hinter
Freud zurück zu tun. Wenn, wie Gehlen wohl nicht ganz zu Unrecht bemängelt, in
der amerikanischen Tiefenpsychologie der Mensch als ein "Sexualtrieb-Wesen"
(Gehlen) erscheint, so besagt eine solche weltanschauliche Überhöhung der
Freudschen Trieblehre nichts gegen diese selbst. Wenn auch schon Freud im
wesentlichen nur auf die Verdrängung des Sexualtriebes abzielte, so ist hierfür
der phänomenale Grund eben der, daß diese Verdrängung in unserer Kultur die ins
Auge springende ist: die Wesensgesetze einer Trieb-Verdrängung konnten an ihr am
deutlichsten erwiesen werden. Und schließlich geschah das aus guten
therapeutischen Gründen.
[ Anm. v. Jäger: Die
Wissenschaft ist auch nicht bei Freud stehen geblieben. Es gibt einen weiteren
psychologischen Befund über die Natur des Menschen von Dr. Viktor Frankl. Dieser
Befund schliesst den von Sigmund Freud nicht etwa aus, er erweitert
ihn. Im folgenden Interview Film mit Dr. Frankl erläutert er, dass Menschen
nicht leben können ohne Bedeutung, ohne Sinn - und nicht ohne Freiheit. Und ist es nicht die Liebe,
die unserem Leben erst den vollen Sinn gibt? Die Liebe in all ihren
verschiedenen Seinsformen? Analog dazu hat Dr. Frankl die Formel geprägt: d = s
- m . Das bedeutet: despair is suffering without meaning. Verzweiflung ist
Leiden ohne Sinn. V = L -S. Er weist zum Beleg dessen auf den großen
Werkkorpus innerhalb der psychologischen Literatur hin, die sich mit den
Erfahrungen von z. B. Kriegsgefangenen oder KZ-Insassen beschäftigt. Dr. Frankl
sagt, dass diejenigen diese unvorstellbaren Schrecken überlebt haben, die sich
der Zukunft mit Hoffnung und Liebe zuwandten; Menschen also, die nicht in
ihrem Leiden einen Sinn erkannten, sondern in ihrem Leben noch Sinn sahen.
*
Das folgende Filminterview
mit Dr. Frankl ist ein
Vorgriff auf Teil 3 unserer Arbeit an den Grundlagen einer neuen
Gesellschaftslehre. Nach dem Film beschäftigen wir uns wieder mit dem Ethos der
Liebe.
Wir haben den Zusammenhang
aufgezeigt zwischen Triebverdrängung , dem Ethos der Macht und der Bereitschaft
zum Kriege. Positiv gewendet ( und begrifflich erweitert) : den Zusammenhang
zwischen dem Annehmen der eigenen Leibhaftigkeit , dem Ethos der Liebe und
allgemeinmenschlicher Solidarität. Der bei Gehlen vorgefundene Einwand gegen die
Tiefenpsychologie betrifft den Aspekt der Triebverdrängung bzw. der
Leibbejahung. Die beiden anderen Aspekte könnten eine analoge Kritik auf sich
ziehen. Das hieße, das Ethos der Liebe ( sowie im Weltmaßstab eine Ordnung des
Friedens) wäre nicht einfach eine Utopie, aber doch vielleicht nur ein
Durchgangstadium. Die Geschichte, die ewig rastlose, würde weitergehen. Solcher
Mythologisierung der Geschichte, die schier die ganze Selbstauffassung unserer
Geisteswissenschaften für sich hat, ist schwer zu begegnen. An Argumenten ist sie
nicht interessiert, denn "die Geschichtlichkeit" allen Denkens ist ihr schon die
Basis jeder Argumentation. Solche Selbstauffassung des Geistes aber beruht auf
dem Glauben, daß der Geist seinem Wesen nach mit dem Körper wenig zu tun habe
und diesem nur die "dienende Rolle" zukomme, ihn zu tragen ( wie der Atlas das
Himmelgewölbe trägt). Nur ein Geist, der nicht wahrhaben will, daß er auch
seiner Verfassung nach zurückgebunden ist an die Bedingungen körperlicher
Gesundheit, nur ein so sich selbst missverstehender "Geist" kann wähnen, er
werde im historischen Prozeß unendlich sich umgestalten. Die (theoretische)
Auflösung der menschlichen Natur in lauter Geschichte aber macht auch blind für
die Bedingtheit des historischen Verstehens selber: "Würde der Mensch von heute
völlig verschieden sein von dem von gestern oder vor ein paar tausend Jahren, so
könnten wir die Menschen vergangener Zeiten und fremder Kulturen überhaupt nicht
verstehen und an ihren Hervorbringungen teilnehmen." (Karl Löwith) Wir wären
dann außerstande, überhaupt noch Menschen in ihnen zu erkennen, denn das heißt:
den Menschen in seiner allgemeinsten Gestalt in ihnen wiederzuerkennen.
Natürlich würde, wenn das Ethos
der Liebe verwirklicht wäre, die Geschichte weitergehen. Vom dynamischen
Charakter der Liebe her ist das schon verbürgt. Aber natürlich würde die
Geschichte auch nicht weitergehen, wenn man die Geschichte mit Mühlmann als
einen "Rhythmus von Krieg und Frieden" versteht, mit dem man sich abfinden
müsse. Der Sinn aller bisherigen Geschichte nur wäre dann in solcher Weise zu
charakterisieren; es wäre die Geschichte einer Menschheit, die noch in ihren
aufgeklärtesten Köpfen weitgehend im Unklaren geblieben ist über die Natur des
Menschen. Der Gedanke nährt eine sehr gemäßigte Hoffnung; daß im Prozeß der
Aufklärung des Menschen über sich selbst er schließlich auch das Bedürfnis
verspüren werde, keine "moralische Ordnung" mehr zu respektieren, die seiner
Natur in wesentlicher Hinsicht widerstreitet. Nur ein böswilliges Mißverstehen
könnte daraus eine Hoffnung auf erlaubte Unordnung lesen.
Die Unordnung haben wir jetzt -
gerade auf Grund einer "Ordnung", die nur durch das periodisch aufgedrehte
Ventil des Krieges überhaupt sich im Gleichgewicht hält, sofern wir in den
Kriegen nicht doch den immer wieder völligen Verlust der "mitmenschlichen
Balance" erkennen. Daß der Krieg die einander bekriegenden Völker in sich
vielleicht enger zusammen schweißt, ist noch kein Argument dagegen, sondern eine
Bestätigung dafür. In einer Kultur vitaler Frustrationen wird ein freundliches
Miteinander noch am ehesten sich ergeben, wenn in kollektiven Akten der
Aggression sozusagen vitaler Dampf abgelassen wird. Das Bewußtsein gemeinsamer
Gefahr und gemeinsamen Leides mag in der Situation eines Krieges ein übriges
tun, die Menschen unmittelbar zu "solidarisieren".
Aber nicht einfach Zynismus
wäre es, darum den Krieg als Zuchtrute der Völker zu bejahen, wähnend, man müsse
von Zeit zu Zeit zu der angeblich durch Wohlstand sich verlierenden
Mitmenschlichkeit sie zurückpeitschen. Nicht einfach nur Zynismus, sagen wir,
wäre das: denn schließlich wird der einzelne, der im Kriege das Töten als
ehrenvolle Handlung erlaubt, ja befohlen bekommt, in seinem "primitiven"
Unterbewußtsein die feine Unterscheidung zwischen ehrenvollem Töten im Kriege
und fluchwürdigem Morden nie völlig nachvollziehen und schon aus solcher
tieferen "Unfähigkeit" heraus den Weg in eine friedliche bürgerliche Existenz
nicht recht zurück finden. Es ist auch aus diesem Grunde kein Zufall, daß in
Nachkriegszeiten die auf eigene Faust losschlagenden Massenmörder sich häufen.
[.]
So wie es eine latente
Kriminalität gibt, die in den bislang immer wieder kehrenden Kriegen
"abgeschöpft" wurde, so gibt es auch die im Kriege erst vollends geweckte Lust
am Töten, die nur im wiedergewonnenen Frieden von der Gesellschaft plötzlich als
"kriminelle Neigung" verdammt wird. In den Gewaltverbrechen, wie in den harten
Strafen, bleibt der "Genius des Krieges" auf eine sozial mißachtete - und
deklassierende - Form bewahrt.
Tiefenpsychologisch aufgeklärt,
vergehen uns naive Vorstellungen über die tatsächliche Verbreitung krimineller
Neigungen und Handlungen in unserer Kultur. Die hohe Dunkelziffer bei Diebstahl
( über 60 Prozent) dämpft alleine schon alle ethischen Illusionen, die sich auf
die bestehende Ordnung beziehen. Gennat, ein Berliner Spezialist für Mordsachen,
hat sogar vermutet, daß "zahlreiche Kapitalverbrechen nicht erkannt, geschweige
denn aufgeklärt werden". Er stützt sich dabei auf die relativ hohe Zahl von
niemals nachgeprüften tödlichen Unglücksfällen, die vielleicht im dunkeln
bleiben, weil hierzulande jeder praktizierende Arzt, oft in Eile und Scherereien
abhold, den Totenschein ausstellen kann. Nehmen wir noch hinzu, daß
rücksichtsloses Autofahren heute eine weitere Möglichkeit verschleierter
Kriminalität bietet, so rundet sich das Bild soziologisch. Wir haben hier, auf
der Landstraße, den buchstäblich fließenden Übergang vom eitlen Konkurrenzkampf
zum blutigen Verbrechen: in jenem ehrgeizigem Überholmanöver, das oft genug für
einen der Beteiligten mit schweren Verletzungen ausgeht, wenn nicht mit dem
Tode. Der "Krieg auf der Landstraße" ist keine bloße Metapher: Nach einer
privaten Berechnung wurden in sieben Nachkriegsjahren ( 1959 - 1965) auf
Englands Straßen ebenso viele Menschen getötet, wie durch Bomben und Raketen auf
der Insel in jenen fünf Jahren des Zweiten Weltkrieges ums Leben kamen. Es ist
daher naiv, die steigende Zahl der Delikte durch den Hinweis zu bagatellisieren,
daß in ihr auch die Verkehrsdelikte enthalten seien. Es ist zumindest naiv,
sofern dahinter nicht der Wunsch wirksam ist, an der bestehenden sittlichen
"Ordnung" nichts ändern zu brauchen.
Eine neue Ordnung der Liebe
hätte die Bereitschaft zum Kriege, die in tausend Fakten sich kundtut, vom
privatesten Alltag her abzubauen. Wenn wirksames in dieser Richtung
überhaupt nicht geschieht, so drückt sich gerade hierin die innere Logik einer
Kultur der Kriege und Verbrechen aus. Die physische Bereitschaft zum Kriege
verlangt ihre Opfer noch mitten im Frieden, und auch da nicht nur unter
Düsenjägerpiloten und U-Boot-Männern. Der Fall X ( der Ernstfall) wird
unaufhörlich geprobt: in jedem sogenannten "menschlichen Versagen" und jedem
Übermut, in dem ein geheimer Todeswunsch oder Tötungswille das Verhalten
zielstrebig steuert. [.]
*
Die Themen Wert und Geld - und
vor allem die Rechtschaffenheit des geistigen Arbeiters - verlangen, dass ich
wiederum zitiere aus Arno Plack's o. gen. Werk - denn besser kann man es kaum
formulieren:
Zitat Beginn:
"Geld als Selbstzweck, jeder
"Wert an sich" überhaupt, ist vermittelt durch eine Nötigung des Leibes in
frühester Kindheit. Auf das, was den Kindern "Not tut" (also: eine Not
bewirkt [Anm. v. Jäger]), auf die anerkannt "richtige Erziehung" stimmen
wechselseitig die Erzieher sich ab. So entwickelt sich im Großen ein Ethos, und
es tradiert sich (tradiert = es gibt sich selbstständig weiter [Anm. v. Jäger]
), ohne dass die jeweiligen Träger der Tradition selber wüssten, woran sie
tragen. Sie sind, noch wo sie die Beherrschung verlieren, treue "Arbeiterinnen"
am Termitenbau der Moral. Die herrschende Ordnung (der Geldanhäufung, der
Umweltzerstörung und der Repression [Anm. v. K. Jäger]) zerfiele, wenn ab sofort
die Kinder nicht mehr verprügelt würden, nicht mehr angeschrieen und nicht mehr
peinlich in ihren vitalen Bedürfnissen (Bewegung und Sexualität [Anm. v. Jäger])
reglementiert. Die weit verbreitete Form der Kleinkinddressur prägt täglich neu
die Grund-Werte unserer Kultur, indem sie in den kleinen Körpern die ihnen
gemäßen typischen Reaktionswege bahnt. So bekommt der leibhafte Mensch das
Gerüst seiner sittlichen Überzeugungen, noch ehe er sprechen kann. Das macht
diese "Überzeugungen" dann so beständig: dass sie im Grunde gar keine sind. Es
sind Dispositionen des Leibes. Politische oder weltanschauliche Zielsetzungen
sind eher noch auswechselbar - innerhalb ein und derselben Kultur. [.] Die
sozusagen "körpernäheren" Affekte werden so leicht nicht geändert. Sie stehen
zugleich nahe am Kern unseres Gewissens. [.]
Da wir alle an unserem Körper
schon von klein auf etwa dieselben Reglementierungen spüren, bilden sich in
einem jeden von uns auch dieselben sittlichen Wertbegriffe und Ich-Ideale, bei
dem einen nur ausgeprägter, beim anderen mehr verschwommen. "Sittliche
Belehrung" durch das Wort schafft nur noch eine Überdertermination des so
entwickelten "Strebens", dessen Hauptanteil die ungestillten Triebe
sind. Als "unbestimmte Sehnsucht", als "Erlösungsbedürfnis" oder auch als
Ehrgeiz dringt die vitale Unlust noch in sittlich gefälliger Form ins
Bewusstsein. (Von aggressiveren Formen ihrer Äußerung sei hier einmal
abgesehen.) Das heißt, das auch das Bewusstsein die Not des Leibes nur noch
gebrochen wahrnimmt, eben gebrochen durch die eingeschliffenen Fehl- und Ab-
Reaktionen, die die nervöse Grundlage so genannter "sittlicher Entscheidungen"
bilden. Das bewusste Ich denkt sich selber als frei, sowie es zwanghaft den
libidinösen Ansprüchen seines Leibes zuwider handelt. Es glaubt dabei an einen
Sieg des Geistes über das Fleisch zu erringen - und sieht nicht: kann nicht
sehen, das solche "Siege" nichts sind als die "Leistung" eines vegetativ
fehlgesteuerten Körpers. Das bewusste Ich könnte immerhin solche Fehlsteuerung
sich selber zuschreiben, wenn ihm deren leibhafter Charakter unmittelbar gegeben
wäre. So aber, da erst tiefenpsychologische Erhellung den vitalen Grund aller
Hemmungen in früher Kindheit entdeckt, ist noch das Bewusstsein, das sich ihrer
Herr dünkt, von ihnen geprägt. Der Mensch unserer Kultur hat mitsamt der reinen
Körperlichkeit seines Daseins auch den körperlichen Ausgang seiner
leibfeindlichen Ideale verdrängt." Zitat Ende.
Im Zusammenhang mit der
Unterdrückung des Bewegungstriebes und des Sexus beim Menschen steht die
Unterdrückung der Spontaneität. Denn Liebe und Begehren äußern sich spontan,
nicht auf Bestellung, nicht auf Kommando. Die repressive Gesellschaft unserer
Tage beutet den spontanen [Anm. Jäger : d. h. den chaotisch - unberechenbaren Impuls -
und hier finden wir wieder eine Analogie zur Chaosforschung und zur
Quantenforschung, die die Liebe als verbindendes Strukturprinzip des Universums
wahrnimmt ] Sexualtrieb des Menschen aus, indem man dem Menschen erst seine
Sexualität schlecht macht, als unerwünscht oder sündhaft deklariert (Hallo
institutionalisierte christliche Religionen!) und lenkt dann diese
Triebenergie auf Ersatzbefriedigungen wie Konsum, Konkurrenz und soziales
Prestige um. Wir können eingedenk der Strukturbildenden harmonikalen
Naturgesetze auch sagen: Die repressive Gesellschaft verhindert die
Entfaltung des ursprünglichen Liebespotentials.
Hier ein > Sigmund Freud Tribut <:
"Sex sells" ist eine bekannte
"Spruchweisheit" der Werbetreibenden..
Welcher Kirchenfürst, welcher
Politiker oder welcher Wirtschaftsführer hat jemals für die freie Liebe sich
öffentlich engagiert?
Die Liebe, das Begehren jedoch
lebt vom Spontanen. Es ist ein Wesenszug der Liebe, spontan zu entstehen: es ist
ein Wesenszug der Sexualität, sich spontan zu äußern.
*
Die kollektive Entladung
gestauter Triebe ist in unserer Gesellschaft fast nur im Sport möglich, sieht
man mal von Revolutionen, Kriegen und Karneval ab. Man schaue und höre sich
nur den kollektiven Seufzer, das kollektive Jubeln und Aufschreien, das
rhythmische Wogen der Menschenmassen in den Sportstadien einmal unter diesem
Gesichtspunkte an: Triebabfuhr, gemeinschaftliches Abreagieren unterdrückter
Triebe.
Oder nehmen wir den Karneval in
Rio, New Orleans oder Köln oder Bangalore. Auch hier kollektive Triebentladung,
aber nicht nur - es ist im Rhythmus des Wogens der Massen, des Tanzens die
Ordnung, in seiner Unberechenbarkeit des spontanen Ausdrucks des Einzelnen
das Chaos - der freiheitliche Tanz des Seins, der in der hinduistischen
Weltanschauung auch einen Gott hat: SHIVA - und eine Göttin: LAKSHMI.
Der Tanzende Gott Shiva
Lakshmi; Göttin der Künste
Auch hier präsentiert sich die
untrennbare Einheit von Ordnung und Chaos als konstituierendes Wesen des Seins.
Es sind dies nicht die einzigen Formen der Offenbarung dieses Zusammenhang; auch
bei Musik-Konzerten wird dieser Zusammenhang gelebt. Ganz unbewusst zumeist,
genossen aber sicher.
Dies also gehört zur Natur des
Menschen. Diese Natur des Menschen, also mit einem Wort: seine Kreatürlichkeit,
gefasst in zwei Elementartriebe: Sexus und Bewegung. Bei einer Kritik der
herrschenden Moral diese nicht zu berücksichtigen, hieße, so Arno Plack in
seinem o. gen. Werk:
"Jenseits anthropologischer
Gesinnung aber wird jede Wissenschaft vom Menschen zu einem Instrument der
herrschenden Ordnung, wenn nicht sogar der jeweils herrschenden Macht."
Die anthropologische Gesinnung
kann sich nur ausdrücken in der Akzeptanz der biologischen und soziologischen
Bedürfnisse des Menschenwesens: seinen Trieben. Dafür sind die Herrschenden
blind, müssen es vielleicht sein, weil sie ansonsten keine Lust mehr am
Herrschen hätten oder sie sind selber bereits so deformiert (durch ihre
erlittene Erziehung), das sie noch das von ihnen bewirkte Leiden ihrer
Mitmenschen als Sieg über diese auffassen. Denn darüber täusche man sich nicht:
dem moralisch Deformierten geht es nicht um das Glück seiner Mitmenschen, auch
nicht um sein eigenes. Ihm geht es darum, sein Ich über andere zu stellen, indem
er zuerst seine eigenen Triebe niederzwingt und dann die der anderen. Damit
verbiegt er sich und die anderen als Menschen, wird aber persönlich dem
gesellschaftlichen Ethos des Erfolges um jeden Preis gerecht und sichert sich so
soziales Prestige, Macht und Einfluß.
Darin gleichen sich Kommunismus
und Kapitalismus. Oder hat jemand davon gehört, dass es im Kommunismus sexuelle
Freiheit gab?
Wohl kaum. Denn die
praktizierte freie Liebe, das Gewährenlassen spontaner Trieb- und
Gefühlsregungen, die das spontane Leben des Sexus einschließt, wirft, für das
Selbstverständnis des auf Besitzverhältnisse Fixierten, sofort Fragen auf wie:
"Woher weiß ich denn, ob das
mein Kind ist?" Oder: "Wer soll das bezahlen?" oder: "Wie ist das dann mit dem
Erbrecht?" oder: "Macht dann nicht jeder mit jedem rum?" oder "Gibt's dann nicht
das totale Chaos?" Nein, liebe Leserschaft, das totale Chaos gibt es nicht. Denn
jeder Mensch kann und wird sich selbst entscheiden, mit wem er oder sie intime
Beziehungen eingeht.
Ein Trieb wird sich selbst
regulieren, - wie die Natur das überall tut, sofern man ihr freien Lauf lässt.
Besser sprechen wir hier auch vom ursprünglichenLiebesvermögen ,
das des günstigen Natur - u. Sozialklimas bedarf, um sich wie eine Blüte
entfalten zu können.
Möglichkeiten der
Entwicklung
Es wird auch nicht das Chaos
ausbrechen, weil sich Menschen trotz freieren Auslebens des Sexus immer noch in
den naturgesetzlichen Gegebenheiten befinden und weiterhin ihrer Arbeit
nachgehen werden. Es gibt in der Geschichte Westeuropas (und auch der der
anderen Völker der Welt, z.B. auf den Trobrianden, in Asien, Amerika usw.) auch
Epochen und Zivilisationen, in denen es sozial akzeptiert war - auch in der Ehe
! - sich seine SexualpartnerInnen selbst auszusuchen. Z.B. in der Kultur der
Kelten, im Englang des 11. Jahrhunderts usw. Im so genannten und zu Unrecht übel
beleumundeten Mittelalter - das sinnenfroher war als unsere Zeit - heirateten
bereits 15, 16 jährige Menschen. Es gab öffentliche Bade- und Spaßhäuser, in
denen man sich - durchaus auch sexuell - vergnügen konnte, ohne dafür gleich als
krank, pervers, asozial oder patriarchalisch verleumdet zu werden. Diese
Vorfahren der Westeuropäer akzeptierten ihre eigene Kreatürlichkeit. Es verband
und verbindet Menschen auch mehr als Sexualität: gemeinsame Interessen nämlich -
und wie wir jetzt wissen: ihre Verwandtschaft mit allem Sein durch die
harmonikalen Strukturen; Dr. Frankl fügt hinzu: und das Streben nach Sinn, nach
Bedeutung.
*
Was also ist vor diesem
Hintergrund zu tun?
Wir können die Kindererziehung
konsequent gewaltfrei gestalten.
Wir können uns eigener
Frustrationen und Ängste bewusst werden.
Wir könnten versuchen zu
erkennen, wo wir selber in Konkurrenz zu anderen treten, die nicht mit der zu
verhandelnden Sache in Verbindung steht, sondern uns "Belohnungen" verschaffen
soll, die in der Unterwerfung eines Menschen bestehen, nicht in der richtigen
Beurteilung einer Situation oder ontologischer Prozesse.
Wir können im politischen Leben
die Gesamtheit der menschlichen Bedürfnisse einschließlich seiner biologischen
An-Triebe in den Blick nehmen, d.h. des Menschen Kreatürlichkeit; sein Wesen
aus Fleisch und Blut und Psyche/Geist, dies allerdings als UNTRENNBAR EINES
verkörpert, das holistisch ist.
Überwindung der Repression
Ich zitiere hier noch einmal
aus Arno Plack's Buch "Die Gesellschaft und das Böse":
Zitat Anfang:
"Keuschheit, persönlicher
Ehrgeiz, Machtstreben, Streben nach Besitz als solchem - das sind Tugenden, die
sich sinnvoll zusammenschließen im Geist einer Moral der Aggressivität und der
Macht. [...] Was aber hat, so könnte man fragen, eine wissenschaftliche Ethik an
ihre Stelle zu setzen? Nichts, müssten wir sagen, wenn erwartet wird, dass wir
anstelle dieser problematischen Werte völlig neue Tugenden propagieren.
Wissenschaftliche Ethik propagiert keine Werte; sie vertraut darauf, dass die
menschliche Natur, wenn sie nur in Ruhe gelassen wird und nicht von klein auf
verbogen, aus sich selbst heraus ein Verhalten entwickelt, das dem Individuum
wie der Gesellschaft am Besten entspricht. Nur der bereits verbildete Mensch
unserer Kultur hätte noch eine besondere Fähigkeit zu entwickeln: die Ansprüche
seines Leibes zu vernehmen, sie zu verstehen und ernst zu nehmen. Das bedeutet
für einen jeden von uns, dass er lerne, sich möglichst in Einklang zu halten mit
den natürlichen Spannungen und Abspannungen seines Körpers - jenseits von
Abstinenz und Exzess, Trägheit und Überarbeitung. Das gilt für alle Regungen des
vitalen Daseins, für die Sexualität wie für das Essen und Trinken, für Wachen
und Schlafen wie für den Bewegungsdrang und nicht zuletzt auch für das Denken,
insofern dieses die Tätigkeit eines körperlichen Organs ist. [...] Die
übergeordnete Tugend, die nicht auf die Sexualität allein sich bezieht, ist das
Wissen um das rechte Maß, also nichts anderes als das, was die Griechen
sophrosyne nannten.
Wir bedürfen für ein
sittliches Verhältnis zu uns selbst nur eines Gesundheitsgewissens, für
unser - moralisches - Verhalten gegenüber Anderen des klaren Bewusstseins, dass
auch sie zu leiden vermögen. (Dieses Bewusstsein erwächst aus ursprünglicher
Liebe.) Schon ethisch, weil ohne wissenschaftliche Gesinnung nicht denkbar,
wäre, - drittens - eine Verantwortung für die Gesellschaft im Ganzen, wenn dabei
auf Bedingungen des Miteinanderseins reflektiert würde. Alles andere, was man
dazu uns noch nennen mag, ist "Moral" zum Nutzen Dritter, die uns nur
unterdrücken wollen."
Zitat Ende.
Menschen binden sich seit
alters her freiwillig an andere Menschen, auch ohne Triebunterdrückung; anders
hätte es niemals Zivilisation gegeben. Das Glück des Menschenwesens liegt nicht
außerhalb seiner selbst, sondern ist in ihm selbst natürlich veranlagt. Es kann
dort gefunden werden.
Wir wollen hier nicht den
Marxismus diskreditieren, aber ohne die Berücksichtigung der biologischen
Verfasstheit des Menschenwesens, seines Sexualtriebes und seines
Bewegungstriebes also, - oder die Einbeziehung der Erkenntnisse Sigmund Freuds
-, wird auch der Marxismus nicht erfolgreich im Aufbau einer humanen
Gesellschaft sein können, da seine Protagonisten auch selbst in einem Klima der
Repression aufgewachsen sind, - wie wir alle.
Wir können auch fragen: warum
werden nicht alle Menschen zu Unterdrückern und Triebtätern? Nun, die
individuellen Lebensumstände der Menschen sind eben geprägt durch andere, ebenso
individuelle Menschen. Wie genau man es in den verschiedenen Lebenssphären,
Haushalten und Familien mit der Unterdrückung des Sexualtriebes nimmt, bestimmt
eben die weitere Entwicklung der Individuen. Es gibt Eltern, die ihre Kinder
nicht zum pünktlichen Stuhlgang auffordern. Es gibt Eltern, die ihre Kinder
nicht verprügeln, anschreien oder sonstwie bestrafen. Aus diesen familiären
individuellen Umständen entwickeln sich eben auch ebenso individuelle Wesen, die
ja schon von Geburt an ihre jeweils individuellen Merkmale und Begabungen
"mitbringen". Und - selbstredend - ihre biologische Verfasstheit, ihre
Kreatürlichkeit.
Das ändert aber nichts an der
Analyse der herrschenden, repressiven Moral in dieser Gesellschaft.
Die natürlichen Triebe des
Menschen kann man sich wie einen Fluß vorstellen, dessen Wasser eben fließt und
weiter fließt, auch wenn man es staut. Das Wasser wird sich dann dennoch seinen
Weg suchen und über die Ufer treten. Triebe sind vergleichbar mit fließendem
Wasser, fließender Energie, die ihrem Ziel zustrebt. Diese Energie in
unnatürliche Formen zu zwingen, kommt der Verlegung oder dem Stauen eines Flußes,
z.B. dem Rhein oder der Elbe gleich, wobei sich an der Bewegungsenergie des
Wassers aber nichts ändern wird; und wie zerstörerisch über die Ufer getretene
Fluten sein können, ließ und läßt sich beobachten. Wie wohltuend hingegen die
vielfältigen Schönheiten eines natürlich gelassenen Flußes sind! Darüber machten
auch die DOORS ein Lied:
Wir können jetzt auch sagen,
was eine Solidarisierung der Menschen erschwert: das repressive Klima der
Konkurrenz, das durch die Unterdrückung der elementaren Triebe bewirkt wird. Die
Triebenergie wird umgelenkt in Ersatzbefriedigungen: Konsum und Karriere,
soziales Prestige. Dabei tritt der Traum vom sozialen Aufstieg der repressiven
Moral noch hilfreich zur Seite: "Vom Tellerwäscher zum Millionär", vom Vertreter
zum Konzernboss, oder vom Studenten zum reichsten Mann der Erde (Bill Gates,
microsoft). Der Traum vom sozialen Aufstieg ist wie die Möhre, die man dem Esel
vor die Nase hält, damit er weiterläuft, sie aber äußerst selten erreicht - und
unter welchen Mühen und Deformierungen. Von 200 Millionen Amerikanern wurden nur
eine Handvoll reich und bekamen politischen Einfluß. Diese Anzahl läßt sich
nicht mal in einstelligen Prozentzahlen ausdrücken; ist also auch
mathematisch-statistisch keine wirkliche Chance, sein Leben befriedigend zu
leben.
Die Frage der
Verteilungsgerechtigkeit des erarbeiteten gesellschaftlichen Reichtums und die
erweiterte, nämlich die nach den Bedingungen der Mitmenschlichkeit, bzw. des
menschlichen Glücks, stellt sich vor dem Hintergrund unserer Untersuchung in
einem neuen Licht dar. Sich über die Schwierigkeiten und die Gründe für diese
Schwierigkeiten bewußt zu sein, kann helfen, diese Fragen im Interesse der
Individuen und der Gesellschaft zu lösen. Denn es gibt im Licht der oben
ausgeführten wissenschaftlichen Erkenntnisse eben keinen vitalen Widerspruch
zwischen Individuum und Gesellschaft.
Zur Erinnerung: die Logik des Aristoteles
beruht auf
- dem Satz der Identität ( a = a) ;
- dem Satz vom Widerspruch ( a kann nicht
gleich Nicht-a sein ) ;
- und dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten (
a kann nicht sowohl a wie Nicht-a sein).
Das sind die drei Grund-Sätze der Logik des
Aristoteles.
*
Die indische u. chinesische Logik postuliert
vier Möglichkeiten:
1. Sein oder Existenz eines Objektes;
2. Nicht-Sein oder Nicht-Existenz ;
3. Sein sowohl als Nicht-Sein;
4. Weder Sein noch Nicht-Sein.
Hier meine vorläufigen, unsortierten Einfälle
und Assoziationen zu den o. gen. vier Sätzen, quasi in einem James Joyce'
schen Bewusstseinsstrom:
1. Sein oder Existenz eines Objektes;
das ist sinnlich unmittelbar wahrnehmbares,
technisch meßbares;
*
2. Nicht-Sein oder Nicht-Existenz ;
ebendas;
*
3. Sein sowohl als Nicht-Sein;
Die Möglichkeit, das Potential; auch der
Zweifel, die Ungewissheit.
Sein in der Imagination, der Idee, der
Phantasie, Nicht-Sein im Faktischen.
DA aber nicht HIER.
Das Geistige, das Psychische.
Das Gefühl ist da, aber nicht da. DA ist es
für den Empfindenden, Nicht-DA für den Empfindungslosen.
Tote sind DA in der Erinnerung, in den Folgen
ihres Handelns, gleichzeitig sind sie Nicht-DA, nicht physisch existent.
*
"Sein oder Nicht-Sein, das ist hier die
Frage." spricht Hamlet. "Aber" , so ist ihm zu entgegen, "diese Frage ist nicht
die einzige Frage von Relevanz."
Mit Satz 3 der indisch-chinesischen Logik
wird uns die Dimension des Geistigen und der Psyche geöffnet.
*
Quantenelemente - und daraus besteht die
Welt, das Leben und alles - sind sowohl Welle als auch Partikel. Ihr Sein ist
sowohl definiert durch Welleneigenschaften als auch durch
Teilcheneigenschaften. Daran gibt es für moderne Quantenphysiker keinen Zweifel.
Und das Beste ist: "Tat tvam asi" - Das bist Du !
*
Klang ist sowohl da als auch nicht-da : DA
für die Ohren, Nicht-DA für die Augen.
*
Satz 3 der ind.-chin. Logik öffnet uns also
auch das Tor zur Sinnlichkeit.
Satz 3 der ind.-chin. Logik bezieht Geistiges
und Psychisches ein. Das Unbewußte ist da, aber unsichtbar, also nicht da. Da
ist es, weil es wirkt. Nicht-Da aus Unwissenheit.
*
DA ist auch die deutsche, demokratische
außerparlamentarische Opposition für den, der DA ist. Nicht-DA ist sie in
mainstream Media - hahaha.. Noch nicht.
*
DA ist ein Höchstes Wesen für die, die
glauben; Nicht-DA ist es für Skeptiker.
Und jetzt kommt Satz 4 der ind.chin. Logik
ins Spiel:
*
4. Weder Sein noch Nicht-Sein.
Das ist das, was mit Worten nicht zu sagen
ist. Das Absolute. Das Unfassbare, Unbegreifliche im wahren Sinn des Wortes:
unbegreiflich. Jenseits aller Sprachen, aller Begriffe, jenseits aller Logik.
Eben das Absolute sowohl als auch und weder noch. Erleuchtung ? Falsches Wort..
Nicht aber jenseits der Erkenntnis aus
Einsicht; ein "Blick hinter den Vorhang der Materie." - ohne Blick zu sein.
LAO TSE sagt im TAO TE KING zu Beginn:
> Der SINN, der sich aussprechen lässt,
ist nicht der ewige SINN.
Der Name, der sich nennen lässt,
ist nicht der ewige Name.
"Nichtsein" nenne ich den anfang von himmel
und Erde.
"Sein" nenne ich die Mutter der
Einzelwesen.
Darum führt die richtung auf das Nichtsein
Zum Schauen des wunderbaren Wesens,
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.
Beides ist eins dem Ursprung nach
Und nur verschieden durch den Namen.
In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder
hervortreten. <
> Der SINN ist immer strömend.
Aber er läuft in seinem Wirken doch nie über.
Ein Abgrund ist er, wie der Ahn aller Dinge.
Er mildert ihre Schärfe.
Er löst ihre Wirrsale.
Er mäßigt ihren Glanz.
Er vereinigt sich mit ihrem Staub.
Tief ist er und doch wie wirklich.
Ich weiss nicht, wessen Sohn er ist.
Er scheint früher zu sein als Gott. <
*
Zum Satz des ind.-chin. Denkens, a und
nicht-a können Prädikate von X sein: :
Ein Lichtpartikel ist sowohl Welle als auch
Teilchen, sowohl Sein als Nicht-Sein; sowohl Helligkeit als auch Klang und weder
allein Helligkeit noch allein Klang; es sind beide, Helligkeit und Klang, und
ihre Negationen Prädikate von X, dem Absoluten.
*
Die Chaosforschung weist uns unter anderem
auf die Selbstähnlichkeit des Lebens und seiner Strukturen hin. Wir erkennen
Muster in der ganzen Natur: in Blättern, in der Rinde von Bäumen, in Wellen,
Wolken, Gräsern, Tropfen, Blumen, die sich ähnlich sind; Muster und
Proportionen in der Musik, in ihren Rhythmen, Themata, Melodien, in ihrem
harmonischen Aufbau, - nach einem Muster sind z. B. die Bäume alle gebildet:
Wurzel, Stamm, Äste, Blattwerk; Säugetiere haben gemeinsame Muster hinsichtlich
ihres Aufbaus, ihrer Strukturen, in ihrem Verhalten (patterns of behaviour)
- und Menschen auch. Und dennoch, so ähnlich sich z. B. Schneeflocken sind, ist
doch jede Schneeflocke individuell, ist jeder Mensch ein Individuum - ist die
gesamte Schöpfung einzigartig, sind alle die Wesen die da laufen, schwimmen,
sich schlängeln, und fliegen, klettern und was der Tätigkeiten mehr sind, sind
sie alle einzigartig.
Man muss sich dieser Vorstellung einmal
hingeben, um zu verstehen, was das bedeutet, - wenn man es denn überhaupt
verstehen kann in seiner kosmischen Großartigkeit.
Das Leben ist sich selber in den
verschiedenen Wesen und Phänomenen ähnlich; mal mehr, mal weniger. Diese
SEINSQUALITÄT der Selbstähnlichkeit können wir nun auch als verbindendes
Phänomen allen Seins identifizieren in den Harmonikalen Strukturen der Gestirne
und der DNS; es bewahrheiten sich die Sätze:
> Wie oben, so unten.<
> Das bist Du!<
Wir haben innerhalb dieser Gesetze auch eine
Wahl, wie Yang und Lee bewiesen haben. Uns Menschen diese Wahl vorzuenthalten,
ist unterdrückend, kriminell und lebensfeindlich. Diese Haltung der Unterdrücker
kann nicht ewig bestehen.
Wir können uns nun in der Gewissheit, dass
Liebe immerdar wirkt, weil sie zum Grundstoff des Universums gehört, weil sie
zum SEIN gehört wie der Kopf zum lebendigen Menschen, den Notwendigkeiten widmen
- und auch der Freude.
Die Liebe ist im Kosmos -
"verwurzelt" sage ich, weil das Wort "Wurzel" Assoziationen an Holz in Erde
hervorruft, mit innigster Verbundenheit. So ist es mit der Liebe im Universum.
Sie ist gleichsam mit ihm verwachsen. Auch wenn sie nicht das alleinige
Fundament des Seins bildet, gehört sie doch untrennbar dazu. Der Mensch besteht
aus Fleisch und Blut und Geist, der letztlich Licht ist, der sich in Freiheit (
denn er hat auf der Ebene der Elektronen durchaus eine Wahl ) entfalten und
verbinden will. Die Liebe ist gleichsam die Mutter und der Vater und das Kind
im Universum, - es selbst sich selbst zur Freude.
Die politischen
Schlussfolgerungen aus dem oben nach bestem Wissen Dargelegtem, werde ich in
Teil 3 zeigen. Soviel sei bereits hier gesagt: Ein bedingungsloses
Grundeinkommen gehört zweifelsohne dazu. Das Gesetz dazu muss den Bürgern die
Möglichkeit bieten, einen Hinzuverdienst durch Teilzeitarbeit zu erwerben;
weiterhin muss das Gesetz vorsehen, dass Menschen, die das Grundeinkommen nicht
ohne Gegenleistung beziehen wollen, von ihrer Heimatstadt oder Kommune eine
Arbeitsgelegenheit bekommen, die mehr Einkommen als die Zahlung des
Grundeinkommens ermöglicht.