Als
Stalin die Menschen zu Kannibalen machte
Von
Fanny Facsar
Erst aßen sie
Baumblätter, dann Hunde und Katzen, einige wurden sogar zu Menschenfressern.
Vor 70 Jahren peinigte Stalin die Ukraine mit einer Massen-Hungersnot.
Millionen starben, doch der "Holodomor" war jahrzehntelang ein Tabu -
bis jetzt.
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Budapest - Als sie das
Wort "Holodomor" hört, bricht sie in Tränen aus. Natalia Mikitiwna Nidzelska,
eine 86-jährige, kleine und zerbrechlich wirkende Frau aus dem westukrainischen
Dorf Pilipi, zeigt auf ihr Herz und schreit in tiefster Trauer: "Es
schmerzt hier sehr, dass Menschen so qualvoll sterben mussten!" Holodomor
- das ist das ukrainische Wort für die Hungerkatastrophe, das zufällig ähnlich
wie Holocaust klingt!
Sie aßen die Blätter und
Knospen von den Bäumen, vertilgten ihre Hunde und Katzen, verdorbene Kartoffeln
und stritten sich um Aas - am Ende gar um das Fleisch toter Menschen: Wer die
Hungertragödie in der Ukraine von 1932 bis 1933 überlebte, erinnert sich an
viele grauenhafte Details. Doch die Überlebenden durften bisher nicht
öffentlich darüber sprechen.
Ukraine: Die verleugnete
Hungersnot
Natalia Mikitiwna Nidzelska
hat den Holodomor erlebt. Sie ist 1991 nach Ungarn emigriert, dort konnte sie
frei über die Hungersnot sprechen - in ihrer ukrainischen Heimat dagegen war
dies bis vor kurzem "aus Angst vor den Kommunisten" nicht möglich,
sagt sie. Nidzelska kann nicht vergessen, wie sehr sich die Menschen damals für
einen Bissen Brot geschunden haben, wie sie täglich um das nackte Überleben
kämpfen mussten, wie es in der Nachbarschaft zu Fällen von Kannibalismus kam.
Das Grauen steckt noch in der Erinnerung der Opfer, der ungarische Historiker
Miklos Kun weiß das: "Das kollektive Gedächtnis kann nicht zerstört
werden. Es war eine bewusst und systematisch durchgeführte Ermordung von
Millionen Menschen, während Stalin am Schwarzen Meer Urlaub machte", sagt
er. Seit mehr als zwei Jahrzehnten erforscht er weltweit in Archiven Gründe und
Folgen der Tragödie, um den Zynismus "der Kommunisten in Russland und der
Ukraine zu brechen, die den Holodomor weiter als Naturkatastrophe
verbuchen".
Massensterben nach
Massenenteignung
Dokumente aus dem
ukrainischen Archiv belegen, worauf viele Historiker und Überlebende seit
Jahren hingewiesen haben: Die Hungersnot wurde von Stalins Regime aus Moskau
regelrecht organisiert und von lokalen Aktivisten - gekauften armen Ukrainern -
ausgeführt, um den Widerstand der ukrainischen Bauern gegen die
Zwangskollektivierung und drohende Enteignung zu brechen. Russland negiert
offiziell die Existenz der Hungerkrise und nimmt zu Stalins Rolle keine
Stellung. Es habe eben eine schlechte Ernte gegeben, heißt es lapidar.
Historiker Kun: "Das ist blanker Hohn. Die Ukraine hat als Agrarland stets
weite Teile der Sowjetunion versorgt und ist bekannt für gute Böden." In
der Ukraine muss die Wahrheit nicht länger tabu bleiben. Präsident Viktor Juschtschenko
hat Ende 2006 einen Gesetzentwurf im Parlament vorgelegt, in dem die
Verleumdung der Hungersnot unter Strafe gestellt wird. Das Strafmaß steht noch
nicht fest, doch das Gesetz ist ein Meilenstein in der ukrainischen Politik:
Das Massensterben infolge der kollektiven Enteignung, die vor 75 Jahren begann,
ist nun vom Parlament als Genozid am ukrainischen Volk anerkannt. Die
Leidensjahre begannen in einigen Regionen schon ab Ende 1930, in manchen
Quellen ist vom Jahr 1929 die Rede. Damals beschlossen Moskaus Kommunisten die
Kollektivierung in der Ukraine. Sie sollte binnen zwei Jahren vollzogen werden,
damit die Sowjetunion ihre Industrialisierung auf Kosten der enteigneten Bauern
schneller vorantreiben konnte. Der 44-jährige Juri Krawtschenko, dessen Großvater
die Katastrophenzeit in Petriwka in der Südukraine überlebt hat, erzählt, was
damals geschah: "Zunächst waren die Kulaken (die reichen Bauern) dran.
Später auch die Dorfarmen. Wer nicht freiwillig in Kolchosen (sowjetische
Großbetriebe) eintrat, galt als Staatsfeind, erhielt keine Arbeit und wurde
zwangsenteignet." Sieben Geschwister von Krawtschenkos Großvater starben
im Holodomor. "Wer freiwillig in die Kolchosen eintrat, erhielt ein bisschen
Geld, später nur noch eine Handvoll Essen."
Petriwka existiert heute nicht mehr. 90 Prozent der rund 300 Einwohner
verhungerten qualvoll.
Kinder jagten Kaulquappen
und Spatzen
Natalia Nidzelskas
Familie gehörte vor den Schicksalsjahren zur Mittelschicht. "Wir aßen
dreimal pro Tag. Mein Vater war der einzige Schmied in Pilipi und hatte genug
Arbeit", erinnert sich Nidzelska. "1931 kamen die ersten Aktivisten
und umzingelten die Dörfer. Jeder musste das Ackerland abgeben und in Kolchosen
eintreten. Später nahmen sie das Vieh und sämtliche Nahrungsvorräte, bis wir
gar nichts mehr hatten. Mein Vater musste auch seine Werkzeuge abgeben."
Besonders Dörfer wie das 1500-Seelen-Dorf Pilipi in der Westukraine und im
Süden, wo sich die Bauern am stärksten gegen die Zwangkollektivisierung
wehrten, waren von der Hungersnot betroffen. Selbst Petroleum und Streichhölzer
wurden konfisziert. Nidelszkas vier Geschwister und ihre Eltern überlebten nur,
weil sie noch genug Kraft hatten, um zu arbeiten. "Meine Brüder versuchten
Spatzen zu schießen und sich von Kaulquappen zu ernähren. Meine Schwester und
ich konnten nicht jagen. Unsere Beine waren vor Hunger fast so fest wie Beton.
Unsere Mutter hat uns heimlich ein bisschen mehr Brei gegeben als den Brüdern.
Dann wurden wir aufs Feld geschickt, um zu arbeiten", erzählt Nidzelska.
Auf dem Heimweg aß die damals Zwölfjährige ihren Tageslohn - ein
streichelholzschachtelgroßes Brot - in kleinen Krümeln, damit sie von hungrigen
Nachbarn nicht überfallen wurde. "Meine Mutter musste den wenigen Brei aus
Kartoffelschalen und Wasser in der Nacht kochen, weil die Nachbarn den Rauch
sonst gesehen hätten", sagt sie mit zitternder Stimme. Die Situation
schien besonders für Großfamilien ausweglos. 1933 wurde sie noch schlimmer. Die
Dokumente aus dieser Zeit beweisen, dass Stalin und der spätere russische Außenminister
Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow die Flucht der Bauern in die Städte
verboten hatten. Viele Eltern setzten ihre Kinder seinerzeit in Kiew und der
damaligen Hauptstadt Charkow aus - in der Hoffnung, jemand würde ihnen ein
wenig Essen geben. Doch Aktivisten transportierten sie zurück. Und setzten sie
auf Feldern aus, wo dann viele qualvoll starben. Auch der Handel mit Kleidung
und versteckten Wertgegenständen war verboten. Doch viele riskierten lange
Reisen auf Zugdächern, um in entlegenen Kleinstädten restliches Gut gegen ein
Stück Brot einzutauschen - so auch Nidzelskas Mutter. Ihr Vater hielt
Mähdrescher in Stand, um einige Körner aus den Spalten der Maschinen für die
Familie zusammenzukratzen, obwohl darauf die Todesstrafe stand.
"Mütter aßen ihre
Kinder"
Vom Massensterben waren
auch die entlegenen kleinen ukrainischen Siedlungen in Sibirien betroffen. Krawtschenko
erinnert sich an die Erzählungen seiner Urgroßmutter: "In den Dörfern
wurden die Sterbenden mit den Toten auf Karren geschmissen und in Massengräber
geworfen." Unter Stalin galt der Ukrainer "als Feind der
Sowjetunion", der das sowjetische "Gemeingut" verschwendete. Die
Zahl der Toten wird auf sieben Millionen geschätzt - drei Millionen davon waren
Kinder. Schließlich zerstörte der Hunger die letzte Moral etlicher Menschen.
Einige Mütter aßen ihre toten Kinder oder brachten sie vor Hunger um. Nidzelska
erinnert sich an einen Fall von Kannibalismus in ihrem Dorf. "Ich hatte
große Angst, als ich hörte, dass unsere Nachbarin ihre beiden Kinder tötete und
aß, während ihr Ehemann in Sibirien als Holzfäller arbeitete. Ihr Hunger war
mächtiger als ihr Mutterinstinkt. Sie hat trotzdem nicht überlebt."
Jahrzehntelang wurde der
Horror totgeschwiegen. Der "Hungerholocaust" - wie Überlebende die
Not bezeichnen - war tabu. "Es wurde zu lange geschwiegen", sagt
Historiker Kun, "während die Verfolgung der Juden unter der
Nazi-Herrschaft weltweit bekannt ist, wissen die wenigsten über den Holodomor
Bescheid". Und Juri Krawtschenko hofft, dass die offizielle Ankerkennung
des Schicksals vieler Ukrainer dazu führt, dass auch Russland seine Archive
über die Hungersnot öffnet - "damit die ganze Wahrheit ans Licht
kommt".